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In Nordbrasilien, im Einzug des mächtigsten Schwarzwasserflusses der Erde, dem Rio Negro, gibt es eine Vielzahl von kleinen Wasseradern, die diesen riesigen Fluss speisen. In diesen Bächen und Flüsschen lebt eine große Zahl schöner Fischarten und sorgt für Nachwuchs. Viele von ihnen sind und aquaristisch schon lange vertraut, und zahlreiche Liebhaber beschäftigen sich speziell mit diesen Arten. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass etliche von ihnen auch versucht haben, diesen Lebensraum im Aquarium nachzubilden und entsprechende Fischgemeinschaften zusammenzustellen.

Auf seinem Weg durch die Erde an die Oberfläche durchsickert das Quellwasser Bodenschichten, die mit abgestorbenen Blättern und Torfen durchzogen sind. Durch die in ihnen enthaltenen Gerb- und Huminstoffe erhält das Wasser eine ganz charakteristische dunkle Farbe, die an schwarzen Tee erinnert. Je tiefer das Wasser dabei wird, desto dunkler erscheint es dem Betrachter. Man spricht deshalb vom so genannten Schwarzwasser. Die in das Wasser abgegebenen Huminstoffe haben weiterhin zur Folge, dass dieses Wasser stellenweise sehr sauer wird. Im Extremfall kann es pH-Werte deutlich unter 4 erreichen, doch liegen die Werte der Bäche imE inzug des Rio Negro zumeist um 4 bis 4,5. Dabei ist keine Härte feststellbar und die elektrische Leitfähigkeit ist mit weniger als 10 µS/cm verschwindend gering.
Ein derart beschaffenes Wasser bietet keine günstige Ausgangsposition für die Nahrungskette. Das Wasser selbst enthält so gut wie keine Nährstoffe, die als Grundlage dienen können. So sind die hier dennoch in erstaunlicher Artenfülle lebenden Fische hauptsächlich auf Nahrung von außen angewiesen. Diese besteht vor allem aus Insekten, Blüten und Pflanzensamen, die hier in teils recht beachtlichen Mengen auf das Wasser fallen und von den Fischen sofort gefressen werden. Nur so können sie in diesem ‚Hungerwasser' überleben.

Meist sind die kleinen Bäche von dichtem Urwald umgeben. Daher fallen von den Bäumen ständig viele Blätter in das Wasser, wo sie nur sehr langsam verwittern. Durch die Strömung sammeln sich die Blätter an den Gewässerrändern und bilden dort dichte Schichten. Neben mikroskopisch kleinen Lebewesen finden in solchen Blätterschichten auch diverse Fischarten einen Lebensraum. So hausen hier beispielsweise hübsche Zwergbuntbarsche aus der Gattung Apistogramma. Doch auch nur wenige Zentimeter messende Bodensalmler finden zwischen den Blättern Schutz vor den zahlreichen Fressfeinden wie Eisvögel und fischfressende Fische. Die Laubschichten sind somit für viele Fischarten überlebenswichtig geworden. Die einen schwimmen dicht an den Blättern und huschen bei Gefahr hinein, andere verbringen sogar einen Großteil ihres Lebens darin.

Den typischen Bodengrund der Bäche bildet feinkörniger, weißer Quarzsand. Er gibt weder Mineralien noch sonstige Stoffe an das Wasser ab, die es anders färben könnten; so wird die Bildung des schwarzen Wassers durch ihn überhaupt erst möglich. In der Bachmitte, dort wo die Strömung die Blätter verdriften lässt, gibt es außer einigen umgefallenen Baumstämmen kaum Deckung. Daher müssen sich die hier lebenden Fische sowohl farblich als auch in ihrem Körperbau den Umständen anpassen. Mache Arten, wie beispielsweise die Bratpfannenwelse, graben sich tagsüber im Sand ein und kommen erst nachts zum Fressen heraus. Wieder andere durchschwimmen diese Zone in größeren Verbänden, wie es beispielsweise die größer werdenden Salmler der Gattung Bryconops tun. Der Schwarm lenkt potentielle Räuber vom Einzeltier ab, lässt das Individuum in der Gruppe aufgehen und gibt dem gesamten Verband auf diese Weise Schutz.

Da das Schwarzwasser keine Nährstoffe enthält, gibt es hier auch keine echten Wasserpflanzen. Dort hingegen, wo Gräser und andere Pflanzen, manchmal auch nur die Wurzeln der umstehenden Bäume, in das Wasser ragen, pulsiert dennoch reichlich Leben. Und im Gewirr dieser Ufervegetation sitzen einige der bekanntesten Aquarienfische. Kirschflecksalmler kann man hier finden, aber auch den roten Neon, Rotnasensalmler und viele andere mehr. Natürlich wissen das die Jäger, und so lauert hier, verborgen im Gebüsch, auch der eine oder andere gefräßige Räuber, um auch der vorbeiziehenden Salmler anzunehmen.
In solchen Bächen liegt massenweise Totholz, das gern von den Harnischwelsen besiedelt wird, die hier die kümmerlichen Algen und den Detritus vom Holz abweiden. Einige dieser Welse sehen selbst wie ein Stück Holz aus, so der Schnabelwels Farlowella vittata, der ruhig auf den Ästen und Zweigen hockt und erst bei Einsetzen der Dunkelheit aktiver wird. Dadurch sind diese Fische einigermaßen vor Nachstellungen sicher. In den Höhlungen wiederum sitzen andere Harnischwelse, die erst nachts auf Futtersuche gehen. So schützen sich etwa die Ancistrus-Arten vor ihren Jägern. Und in den vielen Höhlen finden sie nicht nur Schutz, sondern auch eine geeignete Kinderstube für ihren Nachwuchs.

Im Schwarzwasser mit seinen kaum vorhandenen Nährstoffen gibt es folglich auch kaum oder vergleichsweise nur wenige Bakterien, die an Steinen, Holz und Sand siedeln. Dazu kommt noch der hohe Gehalt an Gerbstoffen, die bakterienhemmend wirken. Die Keimzahl ist daher in solchen Gewässern extrem niedrig und die darin lebenden Fische werden kaum von infektiösen Bakterien befallen, weswegen sie dagegen auch keine schnell wirkenden Abwehrmechanismen besitzen. Kommen frisch importierte Fische aus dem Schwarzwasser in ein normales Aquarium, so sind sie häufig recht krankheitsanfällig.